„Wir wollen Teilhabe im Betrieb konkret möglich machen“

Welche digitalen Technologien können Menschen mit kognitiven Einschränkungen in ihrem Arbeitsalltag unterstützen? Wann helfen Exoskelette bei vorhandenen Beeinträchtigungen, wann schaden sie sogar eher? Solche Fragen werden bei der BIH im Arbeitsausschuss der Technischen Beratungsdienste (TBD) länderübergreifend bearbeitet. Doch warum ist die gemeinsame Verständigung im Ausschuss so wichtig? Wir sprachen mit Frank Schrapper, dem Vorsitzenden des Arbeitsausschusses TBD.

Herr Schrapper, warum gibt es den BIH-Arbeitsausschuss der Technischen Beratungsdienste – und warum wird dort länderübergreifend gearbeitet?

Kurz gesagt: für Abstimmung und Qualitätssicherung. Die Aufgaben der Integrationsämter sind Ländersache, Strukturen und Arbeitsweisen unterscheiden sich teils stark – völlig zu Recht. Gleichzeitig bearbeiten alle dieselben Kernthemen, von Arbeitsplatzausstattungen über die Kfz-Hilfe bis hin zu digitalen Assistenzlösungen. Im Arbeitsausschuss bündeln wir Erfahrungen, erarbeiten Handlungsempfehlungen und „übersetzen“ technische Sachverhalte in verwaltungstaugliche Aussagen. So stellen wir sicher, dass Anträge und Bescheide bundesweit auf einer vergleichbaren fachlichen Grundlage beruhen.

Wer sitzt da eigentlich am Tisch?

Praktikerinnen und Praktiker aus den Technischen Beratungsdiensten. Das ist bewusst so: Der Arbeitsausschuss ist Basisarbeit. Häufig kommen Aufträge aus den BIH-Fachausschüssen; wir bereiten sie fachlich vor, damit dort gute Entscheidungen getroffen werden können. Und wir sehen uns nicht als Selbstzweck, das ist nicht unser Selbstverständnis.

Welche Themen beschäftigen Sie derzeit am stärksten?

Das sind aktuell drei Zukunftsthemen. Erstens die Digitalisierung: Historisch kommen die TBDs aus der „mechanischen“ Welt, da geht es also um Hilfsmittel für Menschen mit einer körperlichen Behinderung. Digitale Technologien eröffnen zusätzlich ein großes Feld für Menschen mit kognitiven Einschränkungen: digitale Assistenz und perspektivisch KI-gestützte Tools.

Zweitens sind da die Exoskelette. Dazu kooperieren 13 Inklusions- und Integrationsämter mit dem Fraunhofer-Institut in Stuttgart. Unser Ziel ist, belastbare Beratungsgrundlagen für den Einsatz bei Menschen mit bereits bestehender Beeinträchtigung zu schaffen.

Drittens ist es das Thema KI: Wir sind im bundesweiten Großprojekt „KI-Kompass inklusiv“ eingebunden und haben dafür auch intern eine Unterarbeitsgruppe gebildet. Hier erarbeiten wir Grundsätze, wie die TBD künftig kompetent und verantwortungsvoll zu KI beraten.

Was bedeutet das, verantwortungsvolle Beratung?

Zunächst Realismus. KI macht den Blinden nicht sehend und den Lahmen nicht gehend, aber sie kann Arbeitsprozesse vereinfachen, Informationen zugänglich machen, erinnern und strukturieren. Dann der Datenschutz: Wir sind keine Juristen, und selbst Juristen spezialisieren sich inzwischen darauf. Trotzdem müssen wir Wege zeigen, wie Betriebe und Betroffene Lösungen rechtssicher gestalten können. Und schließlich Kompetenzaufbau: Die TBD sind keine IT-Abteilungen; wir müssen aber Nutzen, Grenzen und Risiken erklären – in einer Sprache, die Arbeitgebende und Beschäftigte verstehen. Daran arbeiten wir gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen aus Projekten wie KI-Assist.

Können Sie ein Projekt herausgreifen, das die Arbeit des Ausschusses gut beschreibt?

Nehmen wir die Exoskelette. Es sind weit über hundert Modelle am Markt; ein großer Teil ist für unsere Zielgruppe nicht sinnvoll. Exoskelette sind körpernahe Hilfsmittel – falsch eingesetzt können sie sogar schaden. Außerdem sind sie in der Teilhabe nachgeordnet: Erst wenn organisatorische Maßnahmen oder Lastenmanipulatoren nicht greifen, kommt ein Exoskelett infrage. Im Projekt mit dem Fraunhofer-Institut klären wir, wann welches System bei vorhandener Beeinträchtigung wirklich hilft und wie die TBD dazu systematisch beraten. Wir sammeln Praxisfälle aus den beteiligten Ländern, werten aus und leiten Beratungsleitlinien ab.

Kommen wir zu dem kollaborierenden Roboter (Cobot), der auch in unserer Titelgeschichte vorgestellt wird – wie kam das Thema in den Arbeitsausschuss?

Über ein Projekt an der RWTH Aachen zu Cobots im Einsatz für Menschen mit Behinderungen. Es gab gegenseitige Besuche und regen Austausch. Aus diesem Austausch entstand bei einer Kollegin – sie ist im Arbeitsausschuss und in Sachsen in der Beratung tätig – die Idee für den konkreten Fall. Das zeigt, wie Projektwissen direkt in die Praxis fließt und wie aus der Forschung Impulse für Einzelfälle entstehen.

Die Bundesländer unterscheiden sich in Größe, Personalstärke und Aufbau der TBD. Bremst das, oder beflügelt es die Zusammenarbeit?

Es beflügelt. Stadtstaaten arbeiten anders als Flächenländer – das ist logisch. Gerade kleinere Dienste profitieren vom Netzwerk: Wer allein berät, kann schwer fachlich spiegeln. Im Ausschuss teilen wir Erfahrungen, vermeiden Fehlversuche und Doppelarbeit. Ich sehe die Heterogenität als Stärke. Jedes Land kann aus der bunten Vielfalt das Passende übernehmen – oder bewusst anders machen, aber informiert. Und es erleichtert auch, dass nicht immer alle 16 Länder jedes Projekt mittragen müssen. Wenn es gute Gründe gibt, dass einige aussetzen, machen andere weiter – Hauptsache, das Wissen landet am Ende wieder bei allen.

Sie haben eingangs das Selbstverständnis der TBD angesprochen. Was meinen Sie damit?

Wir Technischen Beratungsdienste verstehen uns als Dienstleister – für Arbeitgebende und für die betroffenen Menschen. Das ist in der Verwaltung nicht mehr selbstverständlich. Im Arbeitsausschuss tragen wir dieses Selbstverständnis wie eine Standarte vor uns her: Wir sitzen nicht zum Selbstzweck zusammen, sondern um Teilhabe im Betrieb konkret möglich zu machen. Daran messen wir unsere Arbeit.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Frank Schrapper ist der Leiter des Technischen Beratungsdienstes beim LWL-Inklusionsamt Arbeit und Vorsitzender des BIH-Arbeitsausschusses TBD.

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