Sehen durch Technik

Sehen durch Technik


Dorian Tagne ist ein willensstarker, fröhlicher junger Mann und seit 2021 ausgelernter Anlagen­mechaniker Heizung-, Sanitär-, Klima­technik bei dem Dürener Unternehmen Jean Lürgen GmbH. Durch seine angeborene Augen­erkrankung „Morbus Stargardt“ kann Dorian Tagne am Punkt des schärfsten Sehens nur unscharf sehen. Dies verschloss ihm einige Ausbildungs­möglichkeiten, bis er schließlich gemeinsam mit dem LVR-Inklusionsamt, seiner Berufsschul­lehrerin und dem Unternehmen eine Lösung fand.

Dorian Tagne im Portrait.
Dorian Tagne mit seinem Ausbilder Martin Bär.
Dorian Tagne mit seinem Ausbilder Martin Bär.

Der Weg zum Ausbildungsplatz

Eigentlich wollte Dorian Tagne KFZ-Mechaniker werden. Doch dazu kam es nicht. Trotz erfolgreichem Praktikum konnte der motivierte junge Mann aufgrund seiner Augenerkrankung die Ausbildung nicht beginnen. Der KFZ-Meister war begeistert von seinem Engagement, aber für die Ausbildung ist der Führerschein unerlässlich - aufgrund seiner Augenerkrankung kann Dorian Tagne aber keinen Führerschein machen.

Dorian Tagne gab sich aber nicht geschlagen und sammelte in der Schule neue Motivation. Er suchte weiter nach möglichen Ausbildungsplätzen und begann einen Ferienjob bei dem Haustechnik-Unternehmen Jean Lürgens GmbH. 

Das Familienunternehmen stellte Dorian Tagne in zwei aufeinander folgenden Ferien an und war begeistert von seiner Motivation. Bekannt für seine erfolgreichen Auszubildenden, bot das Unternehmen ihm einen Ausbildungsplatz an.

„Gemeinsam schaffen wir das.“

Bereits zum Ausbildungsstart war klar, dass Dorian Tagne die Ausbildung nach Lehrbuch wohl nicht absolvieren kann. Das Thema "Schweißen" stellte den stets gutgelaunten Auszubildenden vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Aufgrund der Unschärfe in seinen Augen war eine saubere Schweißnaht unmöglich. 

Der Ausbildungsmeister Martin Bär nahm die Herausforderung an. Getreu nach seinem Lebensmotto „Just do it“, setzte er sich für seinen Schützling ein. Der Plan, die Ausbildungsprüfung in diesem Sonderfall zu verändern scheiterte, aber gemeinsam mit dem LVR-Inklusionsamt öffnete sich eine neue Tür zur erfolgreichen Ausbildungsprüfung.

Ich hör ganz oft den Satz "Das geht nicht". Irgendwann kommt aber einer, der weiß das nicht (...) und macht es einfach.
Martin Bär, Ausbildungsmeister Jean Lürgen GmbH
Herr Sybertz und Dorian Tagne schauen durch eine Scheibe der VR-Brille.
Herr Sybertz und Dorian Tagne schauen durch eine Scheibe der VR-Brille.

Die VR-Brille als Hilfsmittel

Die Technik der VR-Brille ist bekannt aus Kontexten wie Gaming oder Immobilien. Henning Sybertz, Mitarbeiter des Technischen Beratungsdienstes im LVR-Inklusionsamt und damals noch Fachberater für Inklusion bei der Handwerkskammer Aachen, adaptierte den Gedanken der VR-Brille auf den Fall von Dorian Tagne. Die Idee: die Technik der VR-Brille zum scharfen Sehen zu nutzen, um so das Schweißen für Dorian Tagne zu ermöglichen.

Auf die Idee folgte die Umsetzung. Durch das Engagement verschiedenster Stellen entstand der erste Prototyp. Dieser war für Dorian Tagne der erste große Meilenstein zur erfolgreichen Abschlussprüfung. Endlich konnte er schweißen. Gemeinsam mit allen Beteiligten wurde der Einsatz der Brille technisch weiterentwickelt - bis schließlich das fertige, optimale Produkt für Dorian Tagne entstand.

Technik für weitere Verwendungszwecke

Henning Sybertz hatte stets im Hinterkopf, dass die entwickelte VR-Brille nicht nur in dem Einzelfall hilft, sondern auch für andere Menschen mit Seheinschränkung eine Stütze sein kann und soll. Auch aus diesem Grund arbeitete man hauptsächlich mit herkömmlichen Bauteilen eines VR-Systems: handelsübliches Smartphone, VR-Brille und ein Computer mit starker Grafikkarte.

Die Anschaffung dieser Produkte lief über den Technischen Beratungsdienst des LVR-Inklusionsamtes.

Dorian Tagne schweißt und bekommt Unterstützung durch Herr Sybertz vom LVR.
Dorian Tagne schweißt und bekommt Unterstützung durch Herr Sybertz vom LVR.

Die Abschlussprüfung

Nach vielen Stunden Übung stand der große Tag der Abschlussprüfung an. "Ich war sehr nervös", so der Auszubildende Dorian Tagne. Alle Beteiligten des Projekts fieberten mit und drückte dem jungen Mann die Daumen.

Mit einem großen Grinsen kam Dorian Tagne im Januar aus seiner Abschlussprüfung: Er hat die Prüfung bestanden – und ist damit trotz seiner Einschränkung voll ausgebildeter Anlagenmechaniker.

Im Anschluss an die Prüfung wurde er von seinem Ausbildungsbetrieb Jean Lürgen GmbH übernommen und arbeitet dort weiterhin als Installateur Klima, Heizung und Sanitär. 

Gemeinsam alles schaffen

Für den Erfolg der Prüfung und für die erforderliche technische Ausstattung für Herrn Tagne waren – neben dem Ausbildungsbetrieb und dem Fachberater für Inklusion der Handwerkskammer Aachen – einige weitere Institutionen entscheidend beteiligt. Ein gutes Beispiel für „Gemeinsam.Einfach.Mehr“:

 

 

Interview mit Jürgen Hüllen

Portrait von Herr Hüllen.

Bereichsleiter Forschung und Entwicklung im Berufsförderungswerk Düren gGmbH

Was war Ihre konkrete Aufgabe im Projekt?

Ursprünglich war geplant Teilnehmerinnen und Teilnehmer an unserer Ausbildung zur „Fachkraft für Additive Fertigungsverfahren“  (Umgangssprachlich 3D Druck) als Testpersonen für das System zu beteiligen. Die  Schließung unserer Bildungseinrichtung aufgrund der Covid-Schutzverordnung, vereitelte aber dies. In der ersten Projektphase nahm der Hersteller des Systems Verbindung zu uns auf und erfragte einige technische Hinweise bezüglich der Anforderungen von Menschen mit Seheinschränkungen. Wird wurden auch kontinuierlich über den Projektfortschritt informiert.

 

Haben Sie weitere Beispiele für Ausbildungsprojekte dieser Art?

Das Projekt ist ein sehr gutes Beispiel wie verfügbare moderne Technologien genutzt werden können um die Inklusion von Menschen mit Einschränkungen zu verbessern. Smartphones mit hochauflösenden Kameras, Künstliche Intelligenz  sowie leistungsfähige Einplatinencomputer mit zahlreichen Schnittstellen, ermöglichen heute die Entwicklung von technischen Hilfsmitteln, die vor wenigen Jahren  so kompakt nicht denkbar gewesen wären. Gerade für Menschen mit Seheinschränkungen, sehen wir im Bereich der Virtual und Augmented Reality viele Anwendungsmöglichkeiten im Bereich der Diagnostik und  der berufsbezogenen Bildung. Zu diesem Zweck koordinieren wir ein europäisches Projekt um Erfahrungen in diesem Bereich auszutauschen.

   

Welche Chancen sehen Sie für andere Ausbildungsberufe?

Mobil tragbare Vergrößerungssysteme gibt es zur Zeit nur sehr eingeschränkt. Es gibt zwar hervorragende elektronische Lupen und Lupen-Apps für Smartphones. Diese erfordern aber immer, dass eine Hand zur Bedienung der Lupe verwendet wird.  Viele Tätigkeiten in der Fertigung erfordern aber den simultanen Einsatz beider Hände. Somit ist das System auch für andere Tätigkeiten an Maschinen möglich. Ein Einsatz wäre aus meiner Sicht  somit auch in anderen technischen Berufen wie z.B.  des CNC Zerspanungsmechanikers  denkbar.

Kontakt

Henning Sybertz

Abteilung Technischer Beratungsdienst

+49 (0)221 809 5316
Henning.Sybertz1@lvr.de

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