"KI kann Barrieren überwinden"

Vom Rollstuhl, der Treppen steigt, bis zur Live-Transkription von Sprache: Künstliche Intelligenz kann die berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Arbeitsleben fördern. Das Projekt „KI-Kompass Inklusiv“ informiert zielgruppengerecht über die Möglichkeiten und unterstützt beim Einstieg.

Dass künstliche Intelligenz (KI) im Begriff ist, die Arbeitswelt grundlegend zu verändern, steht außer Frage. Dass sie Inklusion am Arbeitsplatz voranbringen kann, war zumindest bis vor Kurzem noch ein neuer Aspekt. Ein vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gefördertes Projekt soll genau dazu beitragen: der KI-Kompass Inklusiv. Sein Ziel ist der Aufbau eines Kompetenzzentrums, das die berufliche Teilhabe mithilfe von KI-gestützten Assistenztechnologien unterstützt. Angesprochen sind Menschen mit Behinderung, Fachkräfte aus beratenden Einrichtungen sowie Unternehmen (insbesondere Schwerbehindertenvertretungen).

Sensibilisieren und informieren

Bereits zur Hälfte der Laufzeit (2022 bis 2027) ist der Erfolg des Projekts abzusehen. Die Anfragen nach Schulungen sind weitaus stärker, als wir zum Projektbeginn erwartet haben“, sagt Projektleiterin Beate Milluks, die bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke e. V. (BAG BBW) den Bereich Wissenschaft und Qualitätssicherung leitet. Im Projekt KI-Kompass Inklusiv ist sie verantwortlich für die Bereiche Beratung, Information und Schulung. Themen, die offenbar großes Interesse wecken, was Beate Milluks sehr begrüßt. Denn gerade beim Thema KI seien Aufklärungsarbeit, die Vermittlung von Kompetenz und Wissen sowie Sensibilisierung wichtig. „Wir wollen dabei unterstützen, dass die Zielgruppe sich für das Thema öffnet.“

Fundament aus fünf Themenfeldern

Entstanden ist das Projekt auf Grundlage des dreijährigen Vorgängerprojekts KI.ASSIST. Im Auftrag des BMAS und gefördert aus dem Ausgleichsfonds für überregionale Vorhaben zur Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben hatte es zwischen 2019 und 2022 deutschlandweit in Lern- und Experimentierräumen ausgewählte KI-Assistenztechnologien erprobt. Die umfangreichen Rückmeldungen und Ergebnisse waren Anlass für das Ministerium, ein Folgeprojekt zu fördern und so ging der KI-Kompass Inklusiv Ende 2022 mit vier Verbundpartnern  an den Start.

Sein Fundament besteht aus fünf Themenfeldern: Monitoring, Ethik und Datenschutz, Beratung, Praxislabore, Partizipation und Barrierefreiheit. Die Projektpartner beschäftigen sich unter diesem Dach unter anderem mit der Entwicklung, Auswertung und Bereitstellung von Datenbanken und Machbarkeitsanalysen, Informations- und Schulungsangeboten sowie der Erprobung und Demonstration von KI-gestützten Assistenztechnologien.

Einen wichtigen Part spielt ein zusätzliches Begleitgremium zum Thema Partizipation und Barrierefreiheit, gesteuert von der BAG WfbM. Dessen Mitglieder beraten das Projektteam kontinuierlich während der einzelnen Projektphasen und in der Umsetzung des Vorhabens mit ihrer zielgruppenspezifischen Expertise.

KI kann Arbeitsplätze planen und ausstatten

Doch wie genau kann KI zur beruflichen Teilhabe beitragen? Ein sogenannter Technologie-Monitor fasst regelmäßig die Unterstützungsmöglichkeiten und den Entwicklungsstatus von KI-gestützten Assistenzsystemen zusammen. Zwei Jahre nach Projektbeginn war zwar nur knapp die Hälfte der recherchierten und aufgeführten KI-gestützten Assistenztechnologien bereits als Produkt verfügbar, aber die Entwicklung schreitet rasant voran, so Beate Milluks. 

Abgedeckt werden die unterschiedlichsten Bedarfe: vom roboterbasierten Rollstuhl, der sogar Treppen bewältigen kann, bis zur Indoor-Wegfindungs-Hilfe. Sie erleichtert die Orientierung in komplexen Gebäuden, angepasst an die jeweiligen Behinderungsprofile: mithilfe von Audioanweisungen, Textbeschreibungen oder optimierten Routen für Rollstuhlnutzer und -nutzerinnen. Sinnvoll für Unternehmen, die Stellen neu besetzen möchten: Bereits bei der Planung von Arbeitsplätzen, die an bestimmte Beeinträchtigungen angepasst werden sollen, können VR-Brillen mit Darstellung einer virtuellen Arbeitsumgebung unterstützen.

Bei körperlicher Behinderung, die eingeschränkte Beweglichkeit der Hände umfasst, ermöglicht eine spezielle Webcam die Computernutzung: Sie zeichnet Kopfbewegungen oder Gesichtsausdrücke auf und transferiert sie in Klicks oder Mausbewegungen.

Menschen mit Hör- oder Sehbehinderung profitieren unter anderem von Apps, die Texte zusammenfassen, in Leichte Sprache übersetzen oder in Echtzeit Transkriptionen anfertigen – basierend auf europäischen Datenschutzrichtlinien, die wie alle genannten KI-Technologien der EU-KI-Verordnung „AI Act“ unterliegen. Ein anderes Tool kann die Planung von komplexen Aufgaben erleichtern, indem es sie in Arbeitsschritte aufteilt und Zeitschätzungen errechnet. Das kommt insbesondere Menschen aus dem neurodivergenten Umfeld entgegen.

Auch ein Blick in die nahe Zukunft lohnt sich: In Entwicklung befindet sich zum Beispiel eine Software, die auf Beeinträchtigungen beim Lernen und Wahrnehmen eingeht. Sie unterstützt bei der Zugänglichkeit und Verständlichkeit von Webseiten, indem sie Layout und Struktur der Seite anpasst, die Inhalte mithilfe von Symbolen oder Bildern erklärt und die Texte in verschiedene Sprachniveaus übersetzt.

Technologie-Monitor untersucht KI-Tools

Die gesamte Übersicht über den jeweils aktuellen Stand von KI-Assistenzsystemen für Menschen mit Behinderungen bietet die Datenbank  des Projekts KI-Kompass Inklusiv. In einer Suchmaske können Interessierte unter acht Unterstützungs- und sieben Behinderungsarten wählen – die Auswahl reicht von Arbeiten über Lernen bis zu Kommunizieren, von Seh-, Hör- und Sprachbehinderungen über körperliche oder psychische Beeinträchtigungen bis zum Autismus-Spektrum. Auch der Reifegrad eines Tools kann selektiert werden. Befindet es sich noch im Entwicklungsstatus, ist es ein Prototyp, oder liegt die Technologie bereits als Produkt am Markt vor?

Diese Datenbank soll jedoch nicht als Empfehlung missverstanden werden, sagt Beate Milluks. „Wir machen keine Werbung, sondern stellen sachliche Informationen bereit.“ Das gelte auch für die Inhalte der kostenfreien Schulungen und Webinare, die sie und ihr Team veranstalten – online oder in Präsenz, deutschlandweit für alle Zielgruppen von Unternehmen über Verbände bis zu Einzelpersonen.

Fachkompetenzen erkennen und nutzen

Beim Projekt KI-Kompass Inklusiv geht es nicht nur darum, die Chancen für Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsplatz zu verbessern. Beate Milluks ist überzeugt: Werden KI-Technologien verantwortungsbewusst, kompetent und an der richtigen Stelle eingesetzt, können sie Inklusion nachhaltig fördern. Der Schlüssel zu mehr Teilhabe liege darin, individuell herauszufinden, wo genau an einem Arbeitsplatz die Barriere liege, die es zu überwinden gelte. Ansonsten können unter anderem KI-Assistenztechnologien mit mehreren Komponenten eine Beeinträchtigung zwar ausgleichen, sich aber an anderer Stelle im konkreten Fall ungünstig auswirken.

Die studierte Pädagogin nennt zwei Beispiele: Für Menschen mit Sehbehinderung können Brillen mit integrierten Kameras und Mikrofonen für Sprachbefehle hervorragende Übersetzungsarbeit leisten. Ist aber das Mikrofon zu sensibel eingestellt, stören möglicherweise Hintergrundgeräusche. Oder Personen mit Lernbehinderung: Von den Unmengen an Daten, die KI in Sekundenschnelle ausgeben kann, sind sie häufig überfordert, statt von selektierten Informationen zu profitieren.

Der Mensch entscheidet

Es ist unabdingbar, ganz genau hinzuschauen und technologische Hilfsmittel einzuordnen, um den größtmöglichen individuellen Nutzen von KI-Anwendungen auszuschöpfen. Dann bieten sie großes Potenzial, Menschen mit Behinderung zu unterstützen und ihre Teilhabe am Berufsleben zu fördern. Arbeitgebern und Fachkräften empfiehlt Beate Milluks mit Blick auf den Fachkräftebedarf, sich zu öffnen sowie Informationen und Beratungsleistung einzuholen. Anwender wiederum sollten wissen: KI wird die Arbeitswelt immer mehr beeinflussen und Arbeitsplätze verändern, künstliche Intelligenz kann Menschen assistieren, sie aber nicht ersetzen, ist der Projektleiterin wichtig zu betonen. „Entscheidend ist der Faktor Mensch.“

„Künstliche Intelligenz kann Menschen unterstützen, aber nicht ersetzen.“
Beate Milluks

Beate Milluks ist Leiterin des Bereichs Wissenschaft und Qualitätssicherung der Bundesarbeitsgemeinschaft der Berufsbildungswerke e. V. (BAG BBW) und leitet das Projekt KI-Kompass Inklusiv.

KI-Kompass Inklusiv: Struktur und Schwerpunkte

Das auf fünf Jahre angelegte Projekt KI-Kompass Inklusiv  wird vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) gefördert. Es ist Teil der Digitalstrategie der Bundesregierung. Bis Ende 2027 soll ein Kompetenzzentrum für KI-gestützte Assistenztechnologien und Inklusion im Arbeitsleben aufgebaut werden. Die vier beteiligten Verbundpartner stehen für folgende Schwerpunkte:

Monitoring, Ethik und Datenschutz: Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI)

Beratung und Kompetenzen: Bundesarbeitsgemeinschaft Berufsbildungswerke (BAG BBW)

Praxislabore: Bundesverband Deutsche Berufsförderungswerke Bundesverband

Partizipation und Barrierefreiheit: Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen e. V. (BAG WfbM)

Ein Monitoring-Bericht  informiert regelmäßig über den Stand der Entwicklung und Trends bei KI-basierten Assistenztechnologien.

BIH auch am Projekt beteiligt

Auch die BIH ist in dem bundesweiten Großprojekt eingebunden: Der Arbeitsausschuss der Technischen Beratungsdienste (TBD) erarbeitet in einer Unterarbeitsgruppe Grundsätze, wie die TBD künftig kompetent und verantwortungsvoll zu KI beraten. Frank Schrapper, Leiter des Technischen Beratungsdienstes beim LWL-Inklusionsamt Arbeit und Vorsitzender des BIH-Arbeitsausschusses TBD, sitzt zudem im Beirat des Projektes. Auf viel Interesse stieß auch die gemeinsam angebotene Online-Schulung „KI-Kompetenz und Einführung in textbasierte KI für die SBV-Arbeit“, die 2025 aufgrund der hohen Nachfrage gleich zweimal angeboten wurde.

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