Cihan Ozaman, Künstlername Kemelion, sitzt vor seinem Equipment und spielt E-Gitarre.

„Der beste Zeitpunkt, etwas zu machen, ist jetzt!“

Sie haben von ihm gehört. Auch wenn Sie es vielleicht nicht wissen. Der Reutlinger Cihan Ozaman, Künstlername Kemelion, ist erfolgreicher Musiker, Komponist und Produzent. Dank seiner Kunst hat er eine bewegte Karriere, sich selbst bewegt er im Rollstuhl.

Seine Referenzliste ist beeindruckend – unter anderem Apache 207, Dardan, Mike Singer, Zuna, Nura, BRKN, Takt32, Monet192 und Kaas stehen darauf. Unter anderem. Cihan Ozaman ist ein gefragter Komponist, Texter, Arrangeur und Produzent. Unter seinem Künstlernamen Kemelion findet man im Netz eine beeindruckende Anzahl von Treffern.

Schon als Jugendlicher ist er musikbegeistert: „Mit 13 habe ich Gitarre spielen gelernt“, erzählt er. Seine Eltern kaufen ihm ein sehr günstiges Instrument. Mal sehen, ob der Junge überhaupt durchhält. Er hält durch. Als Nächstes kommen Klavier und Gesang. Alles autodidaktisch. Üben, üben, üben.

Schule? Widerwillig abgeleistetes Pflichtprogramm. Die Mitschüler machen sich lustig über seinen seltsamen Gang. Seine Probleme beim Sport. Ins Ziel kommt er zuverlässig als Letzter. Dann die Diagnose: erblich bedingte Muskeldystrophie. Fortschreitend.

„Ich möchte mein eigener Chef sein."
Cihan Ozaman, Musiker, Komponist und Produzent

Nach dem mittelprächtigen Schulabschluss („Hat mich überhaupt nicht interessiert!“) beginnt Cihan Ozaman eine kaufmännische Ausbildung in einem Sanitätshaus. Den Eltern zuliebe. Sie wollen einen sicheren Job für den Sohn. Aber sicher und spannend gehen nicht immer zusammen. Auch hier quält er sich durch. Bei den Kunden ist er beliebt. Wer eine Gehhilfe braucht, fragt nun mal am liebsten jemanden, der aus eigener Erfahrung beraten kann.

Nach der Ausbildung wechselt er in schneller Folge verschiedene Teilzeit-Jobs. Kommentar: „War immer katastrophal.“ Neben dem ungeliebten Beruf widmet er sich mit unverminderter Leidenschaft seiner Berufung, der Musik. Hier entwickelt er sich zum Perfektionisten. Schließlich wird ihm klar: „Ich möchte mein eigener Chef sein.“ Und er erkennt: „Der beste Zeitpunkt, etwas zu machen, ist jetzt!“

Sein eigener Chef sein

Cihan Ozaman schreibt Musik für Freunde aus der Deutsch-Pop- und Deutsch-Rap-Szene und tritt mit eigenen Liedern auf Englisch auf. „Ich bin mit englischsprachiger Musik aufgewachsen. Es fällt mir leichter, mich auf Englisch auszudrücken.“ Er schreibt nicht nur, er produziert auch – zunächst die Musik, dann ganze Auftritte. Schafft mehr und besseres Equipment an.

Während er in seinem selbstgewählten Beruf als Musiker immer mehr Anerkennung erfährt, lässt ihn sein Körper mehr und mehr im Stich, der Gang wird wackliger, mühsamer. Heute kann er noch einige wenige Schritte gehen, aber nur auf völlig ebenem Untergrund. Zum Fortkommen benutzt er einen Rollstuhl.

Das Multitalent

Wenn ihm etwas nicht gefällt, macht er es lieber selbst. Arbeitet sich ein in Fotografie und Video. Produziert schließlich ganze Konzerte: Licht, Soundcheck, Stage-Design. Mit Ergebnissen, die Auge und Ohr überzeugen.

Neben seinen Tätigkeiten für verschiedene Künstler und seinen Solo-Projekten ist er auch unter Vertrag bei Universal Music Publishing Germany. Dazu ist er öfter in Berlin, um neue Aufträge zu besprechen. In „Grand Theft Auto V“, einem der meistverkauften Videospiele, ist er mit einem seiner Songs vertreten.

Seine Eltern haben sich längst damit abgefunden, dass ihr erfolgreicher Musiker-Sohn kein braver Kaufmann mit Bürojob mehr wird. Sie unterstützen ihn nach Kräften. Wenn er als Musiker oder Stage-Director auf Konzerten und Festivals unterwegs ist, fährt ihn meist sein Vater.

Aber Kemelion – er hat einen familiären Spitznamen 2017 zu seinem Künstlernamen gemacht – will möglichst unabhängig sein. Das KVJS-Integrationsamt hat ihm deshalb einen E-Piloten finanziert, der vor den Rollstuhl montiert wird und mit dessen elektrisch getriebener Kraft er auch auf unebenem Gelände selbstständig unterwegs ist: „Ich komme überall allein hin.“ Das genießt er. Unabhängig sein. Frei sein.

Wohnen und Arbeiten ohne Barrieren

Seine Wohnung ist gleichzeitig sein Studio. Dort empfängt er auch die von ihm betreuten Künstlerinnen und Künstler. Alles ist an seine Bedürfnisse angepasst. Der Schreibtisch mit jeder Menge Technik und integriertem Keyboard ist höhenverstellbar, ebenso das Sofa, das nachts zum Bett wird. Mit Antriebsmotoren, so stark, dass er beides im Hochfahren als Aufstehhilfe nutzen kann.

„Zu Hause ist alles barrierefrei“, sagt er. Aber sobald er aus dem Haus ist, kann es mit der Freiheit ziemlich schnell vorbei sein. Bordsteinkanten, Stufen, Menschen, die nicht glauben können, dass der junge Mann mit seinem – behinderungsgerechten – Auto zu Recht auf einem Behindertenparkplatz steht. Ihn deshalb anschnauzen. Menschen, die nicht richtig hinsehen. Dem Ansehen ein Urteil, aber keinen Gedanken folgen lassen.

Alles dringt in seine Musik ein, löst sich darin auf. Gedanken, Gefühle nehmen Gestalt an, berühren. Hier ist er wirklich frei. Eine Freiheit, die kein noch so raffiniertes Hilfsmittel geben kann. Kemelion. Ein umgekehrtes Chamäleon. Er kann sich nicht der Umwelt anpassen. Die Umwelt muss sich an ihn anpassen. Im Idealfall. Was dabei herauskommt? Zum Beispiel richtig gute Musik.

Text: Monika Kleusch
Foto: Cihan Ozaman

Filmporträt über Kemelion aus der Reihe Sounds Of

Ausführliches Interview mit Kemelion

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Mehr Infos hier: KVJS: Selbstständige

 

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