"Technische Barrieren sind leichter zu überwinden als Barrieren im Kopf"

Die Berater und Beraterinnen der Technischen Beratungsdienste (TBD) sind wichtige Akteure für die berufliche Teilhabe von Menschen mit Behinderung. Sie haben für die meisten Behinderungsarten und Arbeitsplätze die richtige technische Lösung parat, um Beschäftigung zu erleichtern und zu erhalten. Wir sprachen mit Matthias Grams vom TBD in Berlin. 

Herr Grams, wie ist der TBD in Berlin aufgestellt?

Grams: Berlin ist ein Stadtstaat mit vielen Behörden, Verbänden und Dienstleistungsbetrieben und vielen Büroarbeitsplätzen. Der TBD ist entsprechend als kleines, spezialisiertes Team organisiert. Aktuell sind wir vier technische Beraterinnen und Berater – damit lassen sich die Anfragen gut bewältigen.

Wie viele Beratungen betreuen Sie im Jahr?

Das schwankt stark. Zählt man nur die Fälle mit Vor-Ort-Begehung und schriftlicher Empfehlung, dann sind es typischerweise um die 60 bis 80 pro Jahr – in Spitzen auch etwa 100. Die Bandbreite pro Fall ist groß: Manchmal reicht eine halbe Stunde, manchmal beschäftigt uns ein komplexerer Fall – etwa in einem Inklusionsbetrieb – über mehrere Tage.

Wie sieht denn Ihre tägliche Arbeit beim TBD aus?

Unser Auftrag ist es, Arbeitsplätze barrierefrei beziehungsweise behinderungsgerecht auszugestalten und Maßnahmen auf Förderfähigkeit zu prüfen. Das heißt: Passt die beantragte Technik zur anerkannten Behinderung? Ist sie erforderlich, um die Tätigkeit auszuüben? Manche Hilfen sind klar behinderungsbedingt – etwa Braillezeilen oder Übertragungsanlagen für Hörgeräte. Anderes ist in manchen Unternehmen bereits Standard (zum Beispiel höhenverstellbare Tische), kann aber in einem konkreten Betrieb behinderungsbedingt zusätzlich erforderlich sein. Wir kennen den Markt, die Anbieter, die typischen Lösungswege – und leiten daraus Empfehlungen für Arbeitgeber und Beschäftigte ab.

Wie kommen die Fälle zu Ihnen – Antrag oder Direktanfrage?

Beides. Häufig liegt ein Antrag beim Inklusionsamt vor, teilweise mit Angeboten. Die Sachbearbeitung bittet uns dann um eine Fachprüfung: Reicht der Schreibtischblick, oder ist ein Vor-Ort-Termin nötig? In anderen Fällen melden sich Arbeitgeber oder Beschäftigte direkt per E-Mail oder Telefon – etwa, wenn Standorte zusammengelegt werden und Barrierefreiheit neu geplant werden muss. Dann vereinbaren wir kurzfristig Termine, schauen uns Arbeitsplätze und Wege an, sprechen mit den Beteiligten und erarbeiten konkrete, praktikable Lösungen.

Welche Themen begegnen Ihnen am häufigsten?

Berlin hat – anders als etwa NRW oder Baden-Württemberg – sehr viel Verwaltung, kommunal, auf Landes- und auf Bundesebene. Entsprechend dominiert der Bürobereich. Typisch sind etwa spezielle Bürodrehstühle und Steh-Sitz-Arbeitsplätze (wobei vieles davon inzwischen Grundausstattung ist und nicht förderfähig). Bei Sehbehinderungen geht es oft um Vergrößerungssoftware, Screenreader, Kamerasysteme und Braillezeilen. Bei Hörbehinderungen sind Übertragungsanlagen und raumakustische Maßnahmen zentral; Grundanforderungen an die Akustik liegen zwar beim Arbeitgeber, aber für Beschäftigte mit Hörbehinderung braucht es meist zusätzliche Lösungen.

Auch Wege-Barrieren sind ein Thema: Automatiktüren, Zugangssysteme, kontrastreiche Leit- und Orientierungshilfen. In bestimmten Tätigkeiten brauchen Menschen spezielle Bürostühle (etwa höhenverstellbar oder mit Stehfunktion). Und natürlich beraten wir auch Inklusionsbetriebe sowie Selbstständige, die in Berlin vergleichsweise zahlreich sind.

Haben Sie Beispiele, die die Bandbreite Ihrer Einsätze verdeutlichen?

Viele. Ich war, um nur einige zu nennen, in Verwaltungen, Ministerien, auf einem Friedhof, in Theatern, Museen, bei Verkehrsbetrieben, in einer Keksfabrik – überall mit sehr unterschiedlichen Anforderungen. Ein konkretes Beispiel: In einem Lagerbetrieb waren Handscanner mit sehr kleinen Displays im Einsatz – für Beschäftigte mit Sehbehinderung kaum nutzbar. Wir haben eine digitale Alternative mit besserer Anzeige und Anbindung an die Prozesse empfohlen. Ebenso spannend sind Einsätze in historischen Gebäuden mit schwieriger Erreichbarkeit oder in Reinräumen der Industrie, wo spezielle Regeln gelten. Und es gibt Fälle, bei denen Organisatorisches hilfreicher ist als Technik – zum Beispiel geänderte Abläufe oder klare Zuständigkeiten.

"Wir kennen den Markt, die Anbieter, die typischen Lösungswege – und leiten daraus Empfehlungen für Arbeitgeber und Beschäftigte ab."
Matthias Grams

Wie sehr spielen Digitalisierung und KI in Ihrer Arbeit eine Rolle?

Zunehmend. Im Bereich Arbeitsplatzausstattung sehen wir Anträge auf Software, die Inhalte aufbereitet, Prozesse unterstützt oder digitale Schulungen ermöglicht. Für die behinderungsbedingte Ausstattung beobachten wir viele neue Ansätze: Apps im Hörbereich, Datenbrillen mit Projektion von Informationen, Systeme, die vorlesen oder vergrößern. Das kommt, und wir schauen immer: Hilft es konkret der Person in ihrer Tätigkeit? Parallel verändern sich Arbeitswelten: Open-Space, Shared-Desk und hybride Modelle werden häufiger. Wer aber auf spezielle Hilfsmittel angewiesen ist, kann nicht täglich die gesamte Ausstattung mitnehmen. Das muss in der Arbeitsplatzorganisation mitgedacht werden – samt Akustik, Licht und Rückzugszonen.

Bei der Vielfalt der Behinderungsarten und Tätigkeiten – wie bleiben Sie „up to date“?

Durch Austausch mit Kolleginnen und Kollegen, Fortbildungen – auch über die BIH – und durch Fachrecherchen, etwa in Hilfsmittel-Datenbanken. Trotzdem bleibt jeder Fall individuell: Die Person, die Tätigkeit, der Arbeitsplatz – das ist nie 1 : 1 übertragbar. Wichtig ist auch, dass Arbeitgeber die barrierefreie Gestaltung inklusive individueller Gefährdungsbeurteilung kennen und umsetzen. Das ist nicht überall präsent, aber wo es bekannt ist, erleben wir viel Kooperationsbereitschaft.

Was motiviert Sie, und was möchten Sie Arbeitgebern mitgeben?

Vielfalt bereichert Unternehmen – fachlich und menschlich. Viele Barrieren sind technisch gut lösbar, die größeren Hürden sind oft Haltungen und Vorurteile. Unser Fokus ist: Arbeitsfähigkeit erhalten, Arbeitsplätze sichern. Und ja: Es gibt Fälle, in denen technisch nichts mehr geht. Trotzdem findet sich oft eine Lösung – dann eben organisatorisch oder personell. 

Zur Person

Matthias Grams ist seit 2009 technischer Berater beim Inklusionsamt Berlin. Er hat mehrere Jahre im Maschinen- und Anlagenbau gearbeitet. Später folgten eine Technikerausbildung, Arbeit in Ingenieurbüros und ein berufsbegleitendes Studium. Beim TBD begleitet er Arbeitgeber und Beschäftigte dabei, Arbeitsplätze so auszustatten, dass Menschen mit Behinderung ihre Arbeit gut und sicher erledigen können.

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