„Rechtzeitig präventiv handeln“

Der Schwarzwälder Spezialist für Armaturen und Duschen – Hansgrohe – hat ein betriebliches Gesundheits- und Inklusionskonzept entwickelt, das niemanden im Regen stehen lässt. Ein Gespräch mit Kathrin Schröder, Vertrauensperson der Menschen mit Schwerbehinderung, und der Inklusionsbeauftragten Jennifer Gerdung.

Frau Schröder, Frau Gerdung, bei Hansgrohe beginnt Inklusion nicht erst bei einer Schwerbehinderung. Wie kam es dazu?

Kathrin Schröder: Wir werden alle älter, und im Laufe eines Arbeitslebens verändert sich die Leistungsfähigkeit vieler Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Gründen. Nicht alle haben eine offiziell anerkannte Schwerbehinderung – und selbst wenn jemand eine hat, heißt das nicht automatisch, dass sich seine Leistungsfähigkeit verändert. Eine Schwerbehinderung ist also nicht gleichbedeutend mit einer Leistungswandlung.

Jennifer Gerdung: Genau deshalb setzen wir auf Prävention. Frühzeitig zu handeln und gezielte Unterstützung anzubieten, hilft den betroffenen Mitarbeitenden, ihre Fähigkeiten einzubringen und dauerhaft erfolgreich im Unternehmen zu arbeiten.

Welche Strategien wenden Sie konkret an?

Kathrin Schröder: Ein zentraler Punkt ist angepasstes Arbeiten. Zuerst schauen wir, dass der betroffene Mitarbeitende im vertrauten Umfeld passende Aufgaben übernehmen kann. Wenn es sinnvoll erscheint, prüfen wir auch Qualifizierungen oder Probeeinsätze als Möglichkeit, den Übergang in neue Tätigkeiten zu erleichtern. Unser Ziel ist, eine möglichst positive Zukunftsperspektive für den Mitarbeitenden zu schaffen und Arbeitsbedingungen zu bieten, die seinen individuellen Stärken entsprechen.

Jennifer Gerdung: Wir setzen bei Inklusion auf ein Zusammenspiel aus klaren Strukturen und enger Zusammenarbeit. Dafür haben wir ein internes Inklusionsteam gegründet und binden frühzeitig externe Partner wie den Integrationsfachdienst oder Reha-Träger ein. Zudem entwickeln wir im Rahmen des Projekts F.I.L.M. (Förderung und Integration leistungsgewandelter Mitarbeitender) unsere Prozesse kontinuierlich weiter. So haben wir beispielsweise einen Produktivitätsausgleich eingeführt: Wenn jemand in der Produktion aufgrund einer dauerhaften Einschränkung etwa 95 statt 100 Prozent der Vorgaben erreicht, wird das dennoch als volle Leistung anerkannt.

Was passiert, wenn jemand trotz aller Unterstützung nicht mehr in seine ursprüngliche Abteilung zurückkehren kann?

Jennifer Gerdung: Zunächst suchen wir nach einer Lösung innerhalb der Abteilung. Wenn das nicht möglich ist, schauen wir, ob andere Unternehmensbereiche passende Aufgaben anbieten. Außerdem überlegen wir, frühere ausgelagerte Tätigkeiten wieder ins Unternehmen zurückzuholen.

Kathrin Schröder: Das hat sich bewährt. In den letzten Jahren haben wir zum Beispiel den Schuh-Shop für Sicherheitsschuhe oder Aufgaben im Gebäudeservice wieder intern angesiedelt. Diese Bereiche bieten mehr Flexibilität und ermöglichen es, die Arbeit an die individuellen Stärken der Mitarbeitenden anzupassen.

Wären eigene Bereiche für leistungsgewandelte oder schwerbehinderte Mitarbeitende eine Option?

Jennifer Gerdung: Eigene Bereiche sind nicht das Ziel von Inklusion. Wir wollen Menschen mit Behinderungen nicht ausgrenzen oder separate Bereiche schaffen, sondern inklusiv arbeiten. So können sie weiterhin in ihren vertrauten Bereichen tätig sein, ihre Stärken einbringen und das Miteinander im Unternehmen bereichern. Davon profitieren alle: Arbeitsbedingungen können mitwachsen, und erfahrene Mitarbeitende bleiben dem Unternehmen erhalten.

Kathrin Schröder: Menschen mit Handicap sind zudem oft Ideengeber und Türöffner – nicht nur für Betroffene, sondern für das gesamte Team. Technische Hilfen, bauliche Anpassungen oder flexible Strukturen, die ursprünglich für Einzelne geschaffen wurden, kommen oft allen zugute.

Jennifer Gerdung: Am Ende profitieren alle – die Mitarbeitenden, die Teams und das Unternehmen. Eine echte Win-Win-Situation.

Das Interview führte Monika Kleusch.

Zur Person: Kathrin Schröder

Als Vertrauensperson der schwerbehinderten Menschen ist sie an den deutschen Standorten Ansprechpartnerin für alle Mitarbeitenden mit Schwerbehinderung oder Gleichstellung.

Zur Person: Jennifer Gerdung

Sie leitet das betriebliche Gesundheitsmanagement mit vielfältigen Präventions- und Unterstützungsaufgaben und ist Inklusionsbeauftragte des Unternehmens. Sie verantwortet außerdem das Projekt F.I.L.M.

 

Starke Partner für Inklusion

Das Inklusions- und Integrationsamt des KVJS und seine Fachdienste sind starke Partner für Inklusion bei Hansgrohe. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit der Einheitlichen Ansprechstelle für Arbeitgeber (EAA) und dem Inklusions- und Integrationsfachdienst (IFD).

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Aus der Praxis

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